Archive für 13.8.2010

Mit dem Blick der Eroberer - das Castell de Capdepera

Von Horst Buchwald


Von der Placa Espanya führen genau 147 Treppenstufen hinauf zu jener Burg, die unübersehbar stolz und majestätisch über den malerisch engen Gassen von Capdepera thront. Der Aufstieg lohnt allemal, denn für drei Euro pro Person bietet diese wohl besterhaltene  Burganlage Mallorcas mit ihrer zinnenbewehrten Mauern und Wachtürmen die Möglichkeit, mit dem Blick der Eroberer die beeindruckende Weitsicht ins hügelige Umland und hinaus auf den tiefblauen Kanal von Menorca zu genießen. Doch erst im Inneren erzählen die Steine ihre Jahrtausende alte Geschichte.

 

So lassen einige Funde aus der Umgebung darauf schließen, dass der Burghügel bereits zur Zeit der Talayot- Kultur, also zwischen dem 13. und 2. Jahrhundert vor Christi bewohnt war. Während des 2. Jahrhunderts vor Christi bis zum 5. Jahrhundert nach Christi hielten die Römer die Insel besetzt und nutzten dabei auch diesen strategisch wichtigen Punkt. Ihnen folgten die Mauren vom 10. bis zum 12. Jahrhundert. Sie errichteten den Wehrturm Miquel Nunis, der noch heute in seinen Grundmauern steht. Hier gibt es eine Plakette die auf das  “Tractat de Capdepera entre el Rei Jaume I. i alfaqui de Menorca” hinweist.  Dabei handelt es sich um einen Vertrag vom 17.6.1231 zwischen König Jaume I. und dem Maurenherrscher von Menorca, der vom spanischen Eroberer überlistet worden war.  Dieses Friedensabkommen wird in der Bibliothèque Nationale in Paris aufbewahrt.

 

Der Sohn des Eroberers, Jaume II., veranlaßte im Jahr 1300 dann die Gründung des Ortes Capdepera und ließ die Siedlung mit einer Mauer umfrieden.1323 wurde unter seinem Nachfolger Sanc I. eine Kapelle erbaut. Die Mauer wurde verstärkt, doch der Bau war erst 1386 abgeschlossen. Im 15. Jahrhundert wurden zum Schutz vor den türkischen Piraten vier Wachtürme errichtet. Sie erhielten die Bezeichnungen Des Costerans, Sa Boira, Ses Dames und Banya. Nachdem die Türken am Ende des 16. Jahrhunderts aus dem Mittelmeer verschwanden, siedelte sich die Bevölkerung außerhalb der Festungsmauern an. In die Burg zog nun eine Berufsarmee- die Dragons. Das Gebäude für den Kommandeur, die Casa del Gobernador, wurde im 18. Jahrhundet gebaut. 1854 wurde das Kastell vom Militär geräumt und stand einige Jahre leer. 1862 wurde die Immobilie öffentlich versteigert- ein Privatmann erhielt den Zuschlag. 1983 erwarb die Gemeinde sie zurück und begann mit der Renovierung.

Die Festungsmauern sind rundum begehbar und bieten durch jede Zinne einen Blick in die Ebene und zum Meer. Von den einst 25 Häusern sind die Umrisse noch erkennbar. Innerhalb der Mauern am höchsten Punkt liegt die Kapelle Nuestra Senyora de la Esperanza. Das flache Dach diente einst der Verteidigung und ist heute eine Aussichtsterrasse. In der Kapelle steht eine Christusstatue aus Orangenholz, die aus dem 14.Jh. stammen soll sowie eine Marienstatue. Mit ihr verbindet sich folgende Legende: Zum Ende des 14.Jahrhunderts wurde der Ort von Piraten angegriffen, da holten die Bewohner ihre Madonna zur Hilfe und stellten sie auf die Mauern. Nun stieg dichter Nebel auf und die Angreifer wurden vertrieben.

Eine Attraktion für sich ist die Residenz des Militärgouverneurs, in der ein Museum für Palmenflechtarbeiten untergebracht wurde. Dieses älteste mallorquinische Handwerk wurde vermutlich von den Mauren übernommen. Ihr Zentrum war Arta und Capdepera. Nur in diesen Orten gibt es noch einige wenige ältere Frauen, die diese spezielle Flechtkunst beherrschen. Sie benutzen die Zweige der wild wachsenden Zwergpalmen. Im Frühsommer werden die noch zarten Blätter gepflückt und getrocknet und nachdem sie die Sonne ausgebleicht hat, nehmen sie die sandige Farbe an. Taschen, die aus diesem Material hergestellt werden, sind unverwüstlich. Manche sollen über 100 Jahre gehalten haben.

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